Tipping Points #4 – Skills und Methoden für soziale Bewegungen: Ein Rückschau

Von 27. – 28. Februar kamen zum 4. Mal über 100 Menschen aus allen möglichen sozialen Bewegungen und politischen und selbstorganisierten Gruppen zusammen. Es gab diesmal drei Workshop Slots mit je 4 Workshops parallel, die von insgesamt über 230 Teilnehmer*innen besucht wurden. Referent*innen wie Teilnehmer*innen schalteten sich aus ganz Österreich und Deutschland zu und arbeiteten über das open Source Videokonferenz Tool „BigBlueButton“ und teils über kollaborative online White Boards miteinander.

Die Workshops sollen den Teilnehmer*innen dabei helfen, die Arbeit in ihren jeweiligen Projekten strategischer, angenehmer, inklusiver und effektiver zu gestalten und dadurch die Bewegung für ein gutes Leben für alle zu stärken. Sowohl langjährig Aktive, also auch frisch Motivierte fanden bei Tipping Points #4 das Richtige für sie. Die Themen sind eine Mischung aus konkreten Tools, Basiswissen und Umgang in Gruppen.

Abseits der Workshop experimentieren wir bei Tipping Points stets mit online Methoden der Vernetzung. Denn zum Kipppunkt in der Gesellschaft können wir nur werden, wenn wir unsere Kämpfe verbinden! Diesmal gab es Austauschbezugsgruppen und einen Frühstückst-Austauschraum, die teilweise genutzt wurden – oft ist aber das Bedürfnis nach Bewegung und frischer Luft größer als nach noch mehr Online-Austausch. Wir werden hier noch weiter experimentieren, um eine gute Balance zu finden.

Abgerundet wurde das Programm wie immer mit einer Podiumsdiskussion. Diesmal mit dem Titel: Die RICHTIGE Sensation: Rolle und Verantwortung der Medien in gesellschaftlichem Wandel. Moderiert von der Chefredakteurin des an.schläge Magazins Lea Susemichel diskutierten Simon INOU (Blogger und Mitbegründer von Fresh – Black Austrian Lifestyle Magazin), Juliane Nagiller (Journalistin), Gerhard Kettler (Medien- und Kulturarbeiter) und Aquino (Aktivistin bei „Bleiberecht für alle! Wien“. Einen Bericht über die Diskussion findet ihr hier. Bald wird sie auch als Podcast zum Nachhören zur Verfügung stehen.

Die Rolle der Medien im gesellschaftlichen Wandel

Zweistundenlang wurde angeregt diskutiert und Fragen aus dem Publikum beantwortet. Die Diskussion verfolgte zwei Stränge. Erstens, die Möglichkeiten und Hürden mit aktivistischen Aktionen in die Medien zu kommen und zweitens, linke/alternative Medien als aktivistische Tätigkeit. Einige spannende Punkte sind hier kurz umrissen:

Der Begriff „Alternative Medien“
Verstand man früher unter „alternative Medien“ ganz klar empanzipatorische, linke Radions, zeitungen, Blogs… so wurde der Begriff in den letzen Jahren immer mehr von einem rechtskonservativen Spektrum in Besitz genommen, wo spätestens durch Trumps Pressestrategie vermehrt sogar von „Alternativen Fakten“ gesprochen wird. Das Podium war sich uneinig, ob der Begriff „Alternative Medien“ bewusst zurückerobert werden soll/kann, oder ob wir lieber von „Linken Medien“ sprechen sollten.

Strukturelle Benachteiligung von Linken Medien gegenüber dem Mainstream
Linke Medien in Österreich stehen finanziell auf sehr unsicheren Beinen und haben zudem viel kleinere Budgets zur Verfügung als öffentlich rechtliche oder kommerzielle Medien. Trotzdem leisten Linke Medien einen wichtigen Beitrag in der Medienlandschaft. Einerseits natürlich dadurch, dass die Leerstellen und Blinde Flecken des Mainstream füllen (z.B. im Bezug auf Diversität), sondern auch im Bezug auf Ausbildung von Medienschaffenden. Mehrere Medien am Podium berichteten davon, dass sie oft mit ihren begrenzten Ressourcen talentierte Medienschaffende ausbilden (oft mit Migrationserfahrung oder sonstiger gesellschaftlicher Benachteiligung) welche dann, wenn sie fertig ausgebildet und erfolgreich sind, von etablierten Medien aufgesaugt werden. Auch darüber gab es am Podium gespaltene Meinungen. Einerseits ist es natürlich gut, wenn durch solche Medienschaffende langsam emanzipatorische Themen in den Mainstream kommen (Transfer). Andererseits werden die begrenzten Mittel der Linken Medien dafür ausgenutzt.

Diversität in der österreichischen Medienlandschaft
Wie in vielen Bereichen des täglichen Lebens ist auch die Medienlandschaft von fehlender Diversität bis Rassismus geprägt. Menschen mit Migrationserfahrung sind kaum in Österreichs Medien zu sehen und zu hören. Die meisten Journalist*innen haben einen privilegierten sozio-ökonomischen Hintergrund. Dadurch werden gewisse Bilder in Medien produziert und reproduziert. Sprache ist dabei ein wichtiges Medium, welches sich erst langsam verändert. Wie über Schwarze und People of Colour berichtet wird, ob gegendert wird oder ob statt „Klimawandel“ „Klimakrise“ geschrieben wird, hat eine Bedeutung, die nicht zu unterschätzen ist!
Ein erster Schritt in Richtung mehr Diversiät wäre, sich Fehler und blinde Flecken einzugestehen. Dazu könnten sich alle etablierten Medien in einem Forum dazu zusammenkommen. Der ORF könnte/sollte als öffentlich rechtliches Medium dazu aufrufen.
Als Medienkonsument*innen können wir lenkend eingreifen, indem wir positiven Artikeln, Redakteur*innen, Kampagnen ein (privates oder öffentliches) positives Feedback geben und Negativbeispiele (direkt oder öffentlich) kritisieren.

Solidarität
Zu guter Letzt rief das Podium geschlossen zu Solidarität und Kooperation zwischen linken Aktivist*innen und linken Medien auf. Beide sind aufeinander angewiesen, um den gesellschaftlichen Veränderungen näher zu kommen, die wir uns wünschen. Erstere finden in Linken Medien oft die Möglichkeit ihre Geschichten ausführlich zu berichten und dadurch nicht nur solidarische Menschen zu erreichen, sondern über Umwege auch immer mehr in den Mainstream zu gelangen. Letztere wiederum sind auf das Hintergrundwissen und teilweise vor-Ort Rechereche und Berichte von Aktivist*innen angewiesen, um fundierte Artikel und Berichte zu Themen zu bringen, die von anderen Medien und Politik totgeschwiegen werden.
Als Aktivist*innen und kritische Bürger*innen können wir linke Medien zum Beispiel dadurch unterstützen, dass wir sie lesen/hören/schauen und dafür etwas Geld zahlen bzw. Abos kaufen. Wenn Menschen neu in unser Umfeld dazu stoßen und diese Medien noch nicht kennen, sind wir alle wichtige Multiplikator*innen!

Hier sind zum Beispiel die Links der am Podien vertretenen Medien:

Tipps für Medienarbeit für Aktivist*innen

  • Nehmt euch genug Zeit euch auf die Medienarbeit vorzubereiten, auch wenn es in der Phase vor der Aktion stressig wird.
  • Brecht euere Botschaft herunter. In den großen Nachrichtensendungen habt ihr max. 1 Minute Zeit. (Der Systemwandel schafft es nicht in die 1-minuten Stories)
  • Nutzt linke Medien und richtet euch nicht nur an den Mainstream. Die Linken Medien sind die, die eure Geschichten in euren Worten erzählen werden.

Und jetzt?

Das rege Interesse gibt uns als Organisationsteam viel Freude und neue Energie. Offenbar braucht die Welt noch mehr Skills und Methoden. Darum … save the date:
Tipping Points #5 wird geplant am….
11. + 13. Juni 2021!

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Auch zwischen den Workshops…

Falls ihr durch Tipping Points Lust auf mehr, fundiertere und umfangreichere Skills bekommen habt, legen wir euch den „Basiskurs für Selbstorganisation“ ans Herz.
Der Kurs besteht aus 5-7 Modulen (je 1,4 Tage) und läuft von April bis Juni 2021 online. Perfekt für alle, die in Gruppen aktiv sind oder es noch werden wollen (egal ob politisch, sozial, kulturell. Organisieren will gelernt sein!) Info und Anmeldung: https://humus.live/basiskurs

Finanziell unterstützen & Tipping Points #5 ermöglichen!
Wenn du Tipping Points wichtig findest und oder anderen eine günstigere Teilnahme ermöglichen willst, freuen wir uns sehr über eine Spende.
Kontobezeichnung: Humus – Verein zur Förderung
IBAN: AT47 3412 9000 0891 2495
BIC: RZOOAT2L129
Referenz: Spende Tipping Points